Are you proud to be Slavic?

Between poverty and awakening

<p><strong> Seitdem sind die Menschen in Mazedonien damit beschäftigt, ihr Zusammenleben neu zu gestalten. Ein gemeinsames Ziel haben sie: Die EU-Mitgliedschaft. Doch wie gut funktioniert das Zusammenleben der Volksgruppen heute? Und wie steht es um das komplizierte Verhältnis zum Nachbarn Griechenland? Gesichter Europas mit Reportagen aus Fabriken, Kulturzentren und dem mazedonischen Parlament. </strong> <br /><br />Hunde balgen sich auf dem Gelände, auf dem Reste einer der ältesten Kirchen Europas zu finden sind. Archäologen buddeln hier Überbleibsel einer Basilika aus dem vierten bis sechsten Jahrhundert nach Christus aus. Über dem See von Ohrid liegt der Dunst des frühen Frühlings. Nicht weit von hier ist Griechenland, direkt nebenan Albanien. Unter einem Dach alte Bodenmosaike, abgesperrt mit rotem Plastikband, zum Teil mit Sand verdeckt, um den wertvollen Fund zu schützen. Ein Mann mit Vollbart und in Arbeitskleidung kommt heraus. Ivica Gujuski trägt Latexhandschuhe. In der Hand hat er eine Zigarette.<br /><br />&quot; Das hier ist ein Teil von mir, von uns, von unserer Geschichte. Es ist ein wenig kompliziert. Man muss hier leben, um es zu verstehen. Das hier ist Teil unserer Identität und Kultur. Und wir leben hier mit den Albanern zusammen. &quot;<br /><br />Sein Kollege kommt dazu, auch er trägt Latexhandschuhe, auch er raucht. In der Hand eine Flasche Bier. Er heißt Nikolaij Upertsche. <br /><br />&quot; Wie soll ich es sagen? Ich bin stolz, denn wir entdecken hier Dinge, die 2000 Jahre und länger verborgen waren. Das sind spannende Sachen, die noch gar nicht öffentlich sind. &quot;<br /><br />Und dann schauen beide sich an:<br /><br />&quot; Haben Sie eine Großmutter? Was hat die Ihnen gesagt, wer Sie sind? Sie kennen Ihre Wurzeln, ich meine. &quot;<br /><br />&quot; Das ist schwer, man muss Mazedonier sein, um das zu verstehen. &quot;<br /><br /><strong> Ohrid liegt im Südwesten Mazedoniens, ein berühmter Ort. Ob er es den Außenstehenden leichter macht, die schwierigen Verhältnisse im kleinen Balkan-Land zu verstehen? 365 Kirchen soll Ohrid einmal gehabt haben, für jeden Tag eine. Und doch, gab es auch einmal eine Moschee. Die Stadt ist das geistige und kulturelle Zentrum Mazedoniens - mit slawischen, griechischen und islamischen Einflüssen. In der Region soll die kyrillische Schrift entworfen worden sein. Stolz und Erbe der mazedonischen Slawen. Die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe, die Albaner, will aber auch die Wurzeln muslimisch geprägter Geschichte geachtet und geschützt wissen. Kultur und Krieg, Vielfalt und Abgrenzung. Ohrid ist Mazedonien und Mazedonien ist Balkan.<br /><br />Allerdings: anders als die Nachbarstaaten, versucht Mazedonien das brisante Erbe des zerfallenen Jugoslawien vorsichtig zu entschärfen. In Ohrid wurde 2001 nach einem kurzen Krieg ein Frieden geschlossen, der der albanischen Minderheit mehr Rechte einräumt. Es ist ein Burgfrieden, der zumindest das Nebeneinander der Ethnien regelt.<br /><br />Die Hauptstadt Skopje, ganz im Norden des Landes, ist seither zweisprachig - mazedonisch und albanisch. Wobei nur die Albaner beide Sprachen beherrschen. Die Bevölkerungsgruppen leben in ihren Vierteln und bleiben unter sich. Im Basar von Skopje versucht ein multiethnisches Theater die gelebte Apartheid aufzubrechen, kulturelle Gräben zu überwinden. <br /><br /></p><p><strong> Vom Schauspieler zum Terroristen und zurück auf die Bühne <br />Im Theater in Skopje prallen Welten aufeinander</strong></p><p> <br /><br />Ein beleibter Mann läuft über die Bühne, stolpert, verliert eine Flasche, sie rollt unter das Sofa. Es sind Proben zu "Onkel Wanja" von Anton Tschechow. In einer Woche ist Premiere. Das Theater steht in der türkischen Altstadt von Skopje. In der ersten Reihe der rotgepolsterten Klappsessel sitzt der Regisseur Slobodan Unkovski - ergrauter Schnurrbart, kleine Brille, sein Hemdkragen schaut unter dem Pullover hervor, er trägt eine grüne Cordhose. <br /><br />&quot; Das Stück spielt in einer Phase des Übergangs, irgendwo auf der Welt, nicht zwingend in Russland. Das kann Mazedonien sein oder Albanien. Das kann jedes Land in der Region sein mit vielen wirtschaftlichen, politischen und anderen Problemen. Das ist der Grund, warum wir "Onkel Wanja" spielen. &quot;<br /><br />Plötzlich springt er auf, geht auf die Bühne. Sofort brechen die Schauspieler die Szene ab.<br /><br />Das Ensemble verständigt sich in vier verschiedenen Sprachen. <br /><br />Die Schauspieler spielen in Albanisch. Unkovski, der Regisseur, spricht das nicht, wie die meisten slawischen Mazedonier. Sein Skript ist deshalb in mazedonischer Sprache. Die Albaner aus Mazedonien können das gut verstehen und sprechen. Um die Sache aber noch komplizierter zumachen, kommen zwei der Schauspieler aus Tirana, der Hauptstadt Albaniens, und sie sprechen kein Mazedonisch. Dafür aber Englisch. Ebenso wie die beiden Darsteller aus Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, sie sprechen außer Albanisch und Englisch auch noch Serbisch. Und das wiederum spricht auch Unkovski. Der Regisseur setzt sich wieder in die erste Reihe, die Probe geht weiter. <br /><br />&quot; Bei den Proben spreche ich Mazedonisch, Serbisch, Englisch, und ich versuche, zu verstehen, was sie auf Albanisch sagen. Auf der einen Seite ist das sehr kompliziert, auf der anderen Seite ist das möglich. &quot;<br /><br />So etwas ist typisch für dieses Theater: Hier wird in allen Sprachen gespielt, die die Leute im mazedonischen Alltag sprechen: Romani, Mazedonisch, Albanisch und Türkisch.<br /><br />&quot; Mazedonien hat den Vorteil, im Herzen des Balkans zu liegen. Es ist immer offen. Das ist nicht neu, das war viele Jahrhunderte lang so. Und die Einflüsse kamen immer von unterschiedlichsten Kulturen, von den slawischen und anderen. Mazedonien ist an der Kante zweier, sagen wir, großer tektonischer Platten. Wir leben zwischen zwei Welten. Und wir müssen beide verstehen, um zu überleben. Die Amerikaner nennen das Schmelztiegel. Wir schmelzen hier zwar niemanden ein, aber wir versuchen, die Vorteile dieses vielfältigen kulturellen Umfeldes zu nutzen. &quot;<br /><br />Adem Karagas Kopf ist frisch verbunden, der Verband gehört zum Kostüm. Karaga ist 32 Jahre alt und Albaner. Als 2001 der Krieg in Mazedonien ausbrach, kam er gerade von der Schauspielschule. Er entschloss sich, in die Berge zu gehen, zur albanischen Untergrundarmee, um gegen die mazedonischen Sicherheitskräfte zu kämpfen.<br /><br />Die Probe ist zu Ende, und Adem Karaga wickelt den Verband ab. Er lächelt freundlich durch seinen Bart. Alles an ihm wirkt sanft.<br /><br />&quot; Als ich etwa im dritten Jahr an der Schauspielschule war, wurde ich verhaftet und saß drei Jahre im Gefängnis. Mir wurde vorgeworfen, ich hätte an Terrortrainings teilgenommen. Als ich wieder raus kam, beendete ich die Schauspielschule und war eine kurze Zeit am Theater. Dann fing der Krieg an. Es war damals oben in den Bergen sicherer für mich als im Theater. Es ist mir nicht leicht gefallen, von der Bühne in die Berge zu gehen. Ich hätte lieber mit Requisiten gespielt, als Waffen zu tragen. Ich denke, das ist eine sehr kalte Angelegenheit. Mir gefällt das nicht wirklich. Doch es war unumgänglich. Ich bereue es nicht. &quot;<br /><br />Adem Karaga bricht auf. Die nächste Probe beginnt in drei Stunden.<br /><br />Hinter Karaga lässt ein Mitarbeiter des Theaters das Gitter an der Eingangstür herunter und schließt ab.<br /><br />Es erinnere ihn an die Gefängnistür, sagt Adem Karaga. <br /><br />&quot; Ihr habt nicht gesehen, was wir hier vor dem Krieg erlebt haben. Wir wurden viele Jahre lang behandelt, als wären wir ohne Rechte und nicht Teil dieses Staates, so, als wären wir keine Bürger. Dabei haben wir genauso Abgaben entrichtet, wie alle anderen auch, wir haben Steuern gezahlt, Gebühren für Strom und Wasser. Wir hatten kein Recht, in Schulen auf Albanisch zu unterrichten und eigene Universitäten zu haben. Wir hatten keinen Meinungsfreiheit. Wir Albaner wurden unterdrückt. Deshalb ist der Krieg ausgebrochen. &quot;<br /><br />Die Luft ist warm, die Sonne scheint hell durch die engen Gassen mit den kleinen Geschäften, Friseursalons, Schneidereien und Süßwarenläden. Es gibt gefälschte Markenjeans und -mäntel zu kaufen. Minarette ragen über die kleinen Häuser hinaus. Die türkische Altstadt von Skopje ist für den Verkehr gesperrt. Der Krieg in Mazedonien hat sechs Monate gedauert. Er sei nicht die ganze Zeit dabei gewesen. Wo er gekämpft hat, möchte er nicht sagen, auch nicht, was er erlebt hat. Im Friedensabkommen von Ohrid zwischen der Untergrundarmee UCK und den mazedonischen Sicherheitskräften wurde eine Amnestie für diese Kämpfer vereinbart. Viele UCK-Anführer sind schnell geachtete Politiker geworden, wurden demokratisch gewählte Abgeordnete und Minister. <br /><br />Karaga betritt einen Hof. Eine kleine Kapelle steht darin, vorn ein Glockenturm. Ein Wärter kommt. Es ist das Museum für Godze Delschev, einen der Nationalhelden Mazedoniens - einen slawischen Mazedonier. Der Eintritt kostet 30 Denar, 50 Cent. Die Ausstellung ist klein. Landkarten zeigen ein viel größeres Mazedonien als heute. Waffen werden ausgestellt, Uniformen, alte Fotos, von Soldaten. Mit Säbeln und langen Gewehren posieren sie, tragen Schnurrbärte und Pluderhosen. Karaga geht langsam durch die Reihen. Er ist zum ersten Mal hier. Ernst betrachtet er die Bilder, seine Augen wandern unruhig hin und her. Ein paar Minuten geht er allein durch die Ausstellung. Der Museumswärter blickt skeptisch. Plötzlich zeigt Adem Karaga auf ein altes Foto:<br /><br />&quot; Siehst du dieses Bild hier? Peto Guli ist Albaner, und das hier ist seine Kompanie. An der Mütze kannst du sehen, dass er Albaner ist. Albaner sind ein Teil von dem allen hier, absolut. Das hier sind keine Feinde. Das hier ist Realität, auch wenn einige das gerne anders sehen würden. Und darin liegt das Problem. Wenn alle diese Bilder, die wir uns gerade angucken, nur die mazedonische Geschichte zeigen, wer sind dann all diese Leute? Wo kommen die her? Das ist angeblich die größte Kompanie, die jemals im Namen der mazedonischen Befreiung gekämpft hat, auch wenn sie das damals nicht so genannt haben. &quot;<br /><br />Nachdenklich geht Karaga zurück zur Probe.<br /><br />&quot; Die Geschichte schreibt immer derjenige, der die Macht hat. Und auch unsere Geschichte wird so geschrieben, wie es die Mächtigen gerne hätten. Aber diese Geschichte ist so nicht wahr. Es stimmt nicht, dass wir nicht Teil dieser Geschichte sind. Ich kann das nicht akzeptieren. Es haben so viele andere Volksgruppen an dieser Geschichte mit geschrieben. Das hier ist immerhin der Balkan. Ich hoffe, dass wir in Zukunft anders wahrgenommen werden, nicht mehr nur mit Krieg: Mit unserer Kultur und unserem Wissen. So wie jedes andere Volk auf dieser Welt. &quot;<br /><br /></strong> Mitten durch die Hauptstadt Skopje fließt der wichtigste Strom Mazedoniens: der Vardar. Das Flussbett führt entlang der historischen Route, die den Norden des Balkans mit der Ägäis verbindet. Im Herzen der Balkan-Halbinsel durchläuft der Vardar das alte Mazedonien, das wegen seiner Lage stets den Begehrlichkeiten wechselnder Kriegsherrn ausgesetzt war. Wahrscheinlich gibt es kaum einen Flecken Erde in Europa, an dem sich über Jahrhunderte hinweg so viele unterschiedliche Völker niederließen. Neben der Mehrheit der ethnischen Mazedonier und der größten Minderheit der Albaner, leben heute Türken, Roma, Serben, Bosniaken, Wlachen, und noch andere Ethnien, wie zum Beispiel Griechen und Bulgaren im Staat Mazedonien. Diese Minderheiten zu schützen und zu integrieren, ist einer der wesentlichen Forderungen Brüssels zur Aufnahme in die EU. Davon ist man im mazedonischen Alltag noch weit entfernt. Die blutigen Balkankonflikte haben aus den Bevölkerungsgruppen Parteien werden lassen: zwei Millionen Menschen unterschiedlicher Herkunft leben in diesem kleinen Land misstrauisch nebeneinander. <br /><br />Mazedoniens Weg in die Unabhängigkeit verlief nach dem Zerfall Jugoslawiens friedlich - anders als in den übrigen Balkanländern. Nach außen vermittelte die junge Republik ein ruhiges Bild. Die ethnischen Spannungen nahmen jedoch kontinuierlich zu. Der Staat war in den neunziger Jahren fest in der Hand der slawisch-mazedonischen Mehrheit. Die Albaner - sie stellen etwa ein Viertel der Bevölkerung - wurden in Politik und Gesellschaft, in ihrer Kultur und Sprache benachteiligt. 2001 eskalierten die Konflikte zwischen den beiden größten Bevölkerungsgruppen und mündeten in einen Krieg. Das Land stand für kurze Zeit vor dem Abgrund. Die Kämpfe zwischen mazedonischer Armee und bewaffneten Gruppen der albanischen Minderheit währten wenige Wochen. Bis EU und NATO das Abkommen von Ohrid durchsetzten. Eine EU-Mission half, den Frieden zu sichern. Die Bilanz: einige Tote und zahlreiche zerstörte Dörfer. Und bis heute Flüchtlinge im eigenen Land. Misstrauen zwischen slawischen Mazedoniern und Albanern. Als sich im Herbst 2007 die Geschichte zu wiederholen schien, hielt auch die Weltöffentlichkeit für einen Moment den Atem an. Bewaffnete Albaner aus dem benachbarten Kosovo besetzten das Dorf Brodec. Spezialeinheiten der mazedonischen Sicherheitskräfte schlugen mit aller Härte zurück. Sechs Menschen starben. Und auch wieder ein Stück Hoffnung auf Versöhnung zwischen den Volksgruppen. <strong> <br /><br /></p><p><strong>Knapp am Krieg vorbei<br />Ein albanisches Dorf im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit</strong></p><p>Zögernd setzen zwei Kühe ihre Schritte auf den unebenen Boden. Eine strauchelt ein wenig. Der Weg schlängelt sich steil den Berg hinab, rechts und links schmiegen sich kleine Häuser an den Hang. Über Brodec bedeckt noch Schnee die Gipfel des Schargebirges. Ein alter Mann kommt die gepflasterte Straße herunter, zahnlos lächelt er, grüßt. Er trägt eine weiße runde Filzkappe. Im Zentrum des Dorfes steht die Moschee. Ihre Fassade ist voller Einschüsse.<br /><br />Immer mehr Leute kommen auf die Straße, um die Fremden zu begrüßen. Die Menschen in Brodec sind gastfreundlich. Ihr Bürgermeister heißt Refet Bequiri. Ein stiller Mann mit grauem Bart und schwarzer Lederjacke. <br /><br />&quot; Wir haben Materialschäden im Zentrum, die Moschee ist auch kaputt. Wir wissen auch nicht, warum das passiert ist. &quot;<br /><br />Der Schock steht ihm noch ins Gesicht geschrieben. Drei Männer gehen die Straße herauf, leicht gebückt wegen der Steigung. In Brodec hatten sich Kriminelle eingenistet. Sie waren im nahen Kosovo aus einem Gefängnis ausgebrochen. Bergdörfer wie Brodec gelten als unkontrollierbar. Der Polizeieinsatz hier sollte zeigen, dass es in Mazedonien keinen rechtsfreien Raum mehr gibt. Warum die Verbrecher aber ausgerechnet nach Brodec gekommen sind, wüssten sie nicht, beteuern die drei. Die ungebetenen Gäste aus dem Dorf wieder zu verjagen, das wäre auch nicht gegangen, meint Zudi Mustafa. Er ist arbeitslos, wie die meisten in diesen Bergdörfern.<br /><br />&quot; Hör mal zu, hör mal. Ich erklär's dir. Ihr seid jetzt hier, nicht wahr? Wir heißen euch willkommen. Und nun gäbe Gott, dass euch nichts zustößt, wir wären untröstlich. Und es ist völlig egal, ob ihr jetzt aus dem Kosovo, aus Serbien, aus Mazedonien seid. Wenn ihr herkommt, dann seid ihr unsere Gäste. Und dabei ist es völlig egal, was ihr hier wollt. Jetzt sehe ich, dass du ein Mikrofon in der Hand hast. Was weiß ich, was du damit machst. Es geht mich nichts an. Aber so ist es bei uns Brauch. Wir fragen nicht, wer wer ist und was er macht. Wenn er ein Gast ist, ist er ein Gast. &quot;<br /><br />Die drei gehen weiter den Weg hinauf. Das bei dem Polizeieinsatz im November zerstörte Haus ist bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Im Schutt steht ein eiserner Herd. Trotzig zeigt das Ofenrohr in den stahlblauen Himmel. Zu sechst hätten sie in dem kleinen Haus gewohnt, erzählt Musanif Feizela. Er ist 25 Jahre alt, der älteste Sohn. Er ist in dem Haus aufgewachsen. <br /><br />&quot; Hier war der Haupteingang, links die Küche, dort die Tür zum Wohnzimmer, hier die Treppe. Oben hatten wir zwei Zimmer und ein Bad. Alles was man zum Leben braucht war oben, auch der Kühlschrank und der Fernseher.<br />Ich platze vor Wut! &quot;<br /><br />Ohne Vorwarnung sei das Haus an dem Morgen beschossen worden. Sie seien nach nebenan geflüchtet zu seinem Onkel, weil dessen Haus einen Keller habe. Warum gerade ihr Haus beschossen wurde, weiß keiner. Die Verbrecher waren in einem anderen Haus verschanzt. Das blieb heil. Die Polizei hat in Brodec ein Arsenal mit Waffen gefunden - Panzerfäuste darunter. Einige albanische Politiker behaupten, die Sicherheitskräfte hätten die Waffen extra mitgebracht und sie den Dörflern untergeschoben. Und viele Albaner glauben, dass der überzogene Polizeieinsatz im Herbst nicht nur gegen die Kriminellen gerichtet war. In Wirklichkeit sei es erneut gegen sie, die albanische Minderheit, gegangen. Der Onkel kommt dazu.<br /><br />&quot; Es hat sich bisher niemand dafür interessiert, wie die Familie lebt, ob sie zu essen hat, ob sie ein Dach über dem Kopf hat. Vom Staat war keiner da, um sich das anzuschauen. &quot;<br /><br />Entschuldigt habe sich auch niemand, klagt er. Sie fühlen sich allein gelassen. Refet Bequiri, der Bürgermeister, nickt. Er ist ratlos.<br /><br />&quot; Wir suchen nach Möglichkeiten, zu helfen, aber wir haben keine eigenen Mittel. Wir versuchen, Geld vom Staat und von den Bezirken zu bekommen. Dabei haben sie doch versprochen, hierher zu kommen und sich alles anzuschauen. &quot;<br /><br />Wie um alles noch schlimmer zu machen, zog ein schöner Altweibersommer herauf mit vielen guten Brombeeren. Ein Busch schön wie der andere, einen hatten wir gerade angefangen abzuernten. Die nehmen, wo sie's nur kriegen können, wir wehren uns, wir lassen sie nicht. Wir werden hitziger und hitziger, Knüppel und Jochbügel werden geschwungen, Fäuste fliegen, es blitzen Dolche. Sogar wenn sie nur auf eine Pflaume stoßen, die wir übersehen haben, irgendein rohes Gelege, sie schreien und zischen, die fressen am Ende auch lebendiges Fleisch, und trinken warmes Blut, wenn's sein muss. Und wir weichen zurück, Schritt für Schritt und langsam, langsam, zieh dich vorsichtig zurück; zum Teufel mit den Brombeeren und den Hagebutten, dass wir ja kein Übel oder Unheil anrichten.<br /><br /><br /></strong> Zwei Ziele gibt es , die alle Mazedonier ehrgeizig verfolgen, gleichgültig welcher Volksgruppe sie angehören: sie sind entschlossen, möglichst bald Mitglied in der Europäischen Union und der NATO zu werden. Doch weder die EU noch die NATO haben mit der Sturheit ihres Mitglieds Griechenland gerechnet. Athen blockiert bislang hartnäckig die internationalen Ambitionen Skopjes, sollte es keine Lösung im berüchtigten Namensstreit geben, der jüngst den NATO-Gipfel überschattete. Griechenland macht seinem kleinen Nachbarn das Copyright auf den Namen "Republik Mazedonien" streitig und damit auch seinen Teil des historischen Erbes. Aber es gibt noch andere Dämpfer für das mazedonische Ego: Im jüngsten Fortschrittsbericht der EU-Kommission wird dem bisherigen Musterland ein "Reformstau" attestiert. Die anhaltenden Spannungen zwischen albanischen und mazedonischen Akteuren hätten den Politikbetrieb über Jahre lahmgelegt. Eine erste Antwort darauf ist eine Kommission, die das im Sinne der EU ändern soll. Immerhin ein Projekt, das im Parlament von einer Mehrheit getragen wird. <strong> <br /> <br /></p><p><strong>Aufbruch in die EU. <br />Die Oppositionsführerin Radmila Sekerinska kämpft gegen Hindernisse.</strong></p><p> Radmila Sekerinska ist sauer. Ihr Mund verengt sich, ihre Augen fixieren streng den Sicherheitsmann. Sie steht auf der Besuchertribüne des Parlaments in Skopje und möchte ein Interview geben. Der Sicherheitsmann will es ihr verbieten. <br /><br />Wo denn bitte geschrieben stehe, dass sie hier kein Interview geben dürfe? Der Sicherheitsmann drückt die Brust heraus: Auf der Besuchertribüne dürfe nicht aufgenommen werden. Sekerinska gibt nicht auf, sie will wissen, wo das steht. Um die Debatte im Plenarsaal nicht zu stören, verlässt sie den Raum.<br /><br />&quot; Das ist eine der Sachen, die hier im Parlament verändert werden müssen. Die Sicherheitsleute können ihre eigenen Regeln machen. &quot;<br /><br />Radmila Sekerinska führt die Opposition im Parlament von Mazedonien. Bis vor kurzem war sie noch stellvertretende Premierministerin. Viele rechnen damit, dass sie bei der kommenden Wahl Spitzenkandidatin der Sozialdemokraten wird. Die 35jährige trägt die rotblonden Haare leicht gelockt und halblang. Eine filigrane Brille gibt ihr etwas Ernsthaftes, genauso wie ihr dezentes Kostüm und die weiße Bluse. Im Plenum wird über das Hochschulgesetz debattiert. Nicht gerade ihr Thema. Ihr Spezialgebiet ist die Europapolitik. Sie leitet den "Nationalen Rat für die EU". Der wurde erst im Dezember gegründet - als unmittelbare Reaktion auf die schlechten Noten im jüngsten Fortschrittsbericht aus Brüssel. <br /><br />&quot; Meine Erfahrung mit der EU-Kommission und auch allen anderen EU-Institutionen in den letzten 6-7 Jahren ist, dass sie versuchen, dich zu warnen. Sie senden dir Signale, und das ist fair. Und sie sagen das in einer sehr diplomatischen Sprache. Aber sie lassen dich klar wissen, dass etwas nicht so funktioniert, wie sie sich das vorstellen. Und sie geben dir genug Zeit, Fehler zu korrigieren. Aber wenn du das nicht machst, dann kannst du dich auf einen Schlag ins Gesicht gefasst machen. Und genau das war dieser Bericht. &quot;<br /><br />Sie verlässt das Parlamentsgebäude durch einen Nebeneingang. Autos parken vor dem Betonklotz. Die ersten Sträucher blühen. Sekerinska ist auf dem Weg zum nächsten Termin in der Parteizentrale der Sozialdemokraten. Sie ist die Parteivorsitzende. <br /><br />Ein Mann kommt auf sie zu. Seine Kleidung ist abgetragen, ihm fehlen Zähne, seine Haare sind grau. Der Mann möchte seinen Sohn in Frankreich besuchen, bekommt aber kein Visum. Sekerinska strahlt ihn förmlich an. Geduldig hört sie ihm zu. Am Ende kann sie ihm zwar nicht helfen, der Mann geht trotzdem zufrieden lächelnd davon. <br /><br />&quot; Manchmal bist du so in Eile, dass du den Leuten keine Aufmerksamkeit widmen kannst. Aber solche Kontakte bringen dich zurück in die Realität. Deshalb mag ich auch Wahlkämpfe. Du kommst in verschiedenste Teile des Landes, und dir wird klar, dass die Hauptstadt nur ein kleiner Teil der mazedonischen Gesellschaft ist. Ich bin in Skopje geboren und aufgewachsen. Ich habe die ersten zwanzig Jahre meines Lebens in einem Bereich von vielleicht zwei Quadratkilometern verbracht. Das Land habe ich erst kennen gelernt, als ich in die Politik gegangen bin. &quot;<br /><br />Sekerinska biegt in die Fußgängerzone ein. Die Leute sitzen vor Cafes, Kinder essen Eis. Es ist Mittag, und die Sonne blendet ein wenig. Über der Stadt auf dem Berg steht ein riesiges Kreuz, aufgestellt nach dem Krieg 2001. <br /><br />&quot; Das war typisch für die Politik unserer politischen Gegner, für die Politik der Konservativen. Als sie von 1999 bis 2002 an der Macht waren, hatten die eine furchtbare Bilanz, was Korruption angeht, was den Niedergang der Wirtschaft angeht und den Lebensstandard. Und am Ende ihrer Regierungszeit haben sie sich dann dieser Art von ethnischen Symbolen bedient, um sich selbst politisch zu retten. Aber das haben sie nicht geschafft. Sie wurden mit dem schlechtesten Ergebnis abgestraft, das es wohl jemals in der Geschichte Mazedoniens gegeben hat, und haben ihre Macht verloren. Das war der letzte Versuch, sich als Patrioten aufzuspielen und als Verteidiger des Glaubens und der ethnischen Unterschiede. Aber das Kreuz ist nun da. &quot;<br /><br />Derzeit sind die Konservativen allerdings wieder in der Regierung. Ihr damaliger Innenminister ist vom internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagt worden. Noch immer gibt es in Mazedonien jede wichtige politische Strömung zweimal. Einmal albanische Konservative, einmal ethnisch-mazedonische. Das gleiche bei den Sozialdemokraten. Immer noch ist es wichtiger, jemanden von der eigenen Volksgruppe zu wählen, als Inhalte, für die ein Politiker steht. <br /><br />&quot; Jeder wählt entlang der ethnischen Grenzen. Wer mit den Leuten gleich welcher ethnischen Gruppe spricht, der stellt fest, dass aber es innerhalb dieser Gruppen ideologische Unterschiede gibt. Wir haben unterschiedliche albanische Parteien. Wir haben auch, ich weiß nicht genau, zwei oder drei ethnisch serbische Parteien oder ethnisch-türkische Parteien. Es gibt diesen Pluralismus in den Bevölkerungsgruppen. Ich glaube nicht an Wunder und nicht, dass wir das über Nacht ändern. Wenn ich Albaner wäre und auf dem Land leben würde, dann würde ich auch für einen Politiker stimmen, der meine Sprache spricht und die Interessen meiner Ethnie vertritt. Das wird auch in den nächsten 10-15 Jahren noch so bleiben. Aber so etwas gibt es doch auch noch in Belgien oder Großbritannien. &quot;<br /><br /></strong> Mazedonien hat seit seiner Unabhängigkeit schwere Zeiten durchgemacht. Auch in ökonomischer Hinsicht. Das Ende Jugoslawiens zog auch das Ende des bescheidenen Wohlstands nach sich. Die Kriege der Nachbarländer zerstörten die Absatzmärkte und belasteten die mazedonische Wirtschaft zusätzlich mit der Aufnahme Hunderttausender Flüchtlinge aus Bosnien und dem Kosovo. Schließlich schrecken die anhaltenden ethnischen Spannungen potentielle Investoren ab. Mazedonien gehört zu den armen Ländern Europas. Die Arbeitslosigkeit ist extrem hoch, dafür liegt die Schattenwirtschaft bei 45%. Schon deshalb soll der Traum von der Europäischen Union bald Wirklichkeit werden. <br /><br />Ein bisschen davon hat Stip, im Osten des Landes. Die Kleinstadt schreibt Erfolgsgeschichte, sie gilt als mazedonisches Manchester. Stip lebt von der Textilindustrie. Die Fabriken produzieren fast ausschließlich für die EU. Es herrscht Vollbeschäftigung - doch die hat ihren Preis. <strong> <br /><br /></p><p><strong> Stip - das mazedonische Manchester <br />Pseudoaufschwung durch EU-Nähe</strong></p><p> Wieder ist ein Ärmel fertig. Slavica Ristova nimmt den nächsten, greift ein Bündchen, legt beides aufeinander, und weiter geht es.<br /><br /><br />Die Ärmel sind Teil einer weißen Damenbluse, und die geht als Dutzendware nach Deutschland. Es ist noch Vormittag, und neben Slavica Ristovas Nähmaschine türmt sich ein beachtlicher Stapel fertiger Blusen. Sie winkt ab.<br /><br />&quot; Das sind so ungefähr 50 Stück. Das ist nicht viel. &quot;<br /><br />Die Halle ist mit Luftballons geschmückt. An jedem Platz hängen ein paar von ihnen, in gelb, grün, rosa. Das soll motivieren und für gute Laune sorgen, sagt Vanco Bogdov. Er ist der Besitzer der Textilfabrik. 200.000 Euro habe er gerade erst in die Halle investiert, erläutert er, für neue Fenster, ein neues Dach, einen neuen Fußboden. Auch eine Klimaanlage gibt es und eine Heizung. Bei Bogdov wird im Akkord gearbeitet, nur wer richtig schuftet, ist willkommen.<br /><br />&quot; Ohne Akkorde gibt nicht Produktivität. Wenn Arbeiterin arbeitet ohne Akkorde, dann nicht stark arbeitet. Die Arbeiterin muss wissen, wie viel jeden Tag machen soll. &quot;<br /><br />Bogdovs Fabrik gehört zu den größten und modernsten im Ort. Und Slavica Ristova ist eine der schnellsten Näherinnen.<br /><br />&quot; Ich habe vorher zwei Jahre in einer anderen Fabrik gearbeitet, aber hier ist es besser. Wir haben kurze Arbeitszeiten, etwa sieben Stunden. Wir machen keine Überstunden. Wir haben 19 Tage Urlaub, und zwar mit Urlaubsgeld. Das ist großartig. Für mich ist das wunderbar. Ich verdiene hier genug zum Leben. &quot;<br /><br />Rund um Stip, auf dem Lande, ist die Arbeitslosigkeit besonders hoch. Die Unternehmen finden hier leicht Arbeitskräfte, die billig sind und willig.<br /><br />In der Fabrik von Vencislav Filipov liegt eine tote Maus auf dem Boden. Schnell schiebt der Chef sie mit dem Fuß unter einen Tisch. Die Luft ist stickig, die Nähmaschinen alt. Etwa 30 Leute nähen Jeans für "C&A". Filipov trägt selbst so eine Hose. Er weiß, wie schlecht die Bedingungen in seiner Fabrik sind.<br /><br />&quot; Wir haben in dieser Fabrik erst vor einem Jahr angefangen zu arbeiten. Ich wollte ausprobieren, ob es mir liegt, so eine Fabrik zu leiten. Deshalb habe ich die Ausrüstung erst einmal gebraucht gekauft. &quot;<br /><br />Alles was in Stip verarbeitet wird, Stoffe, Fäden, Knöpfe, kommt aus dem Ausland.<br /><br />&quot; Das größte Problem zurzeit ist, Arbeitskräfte in Stip zu finden. Ich hatte in meiner Firma auch monatelang das Problem. Jetzt habe ich Arbeiter aus einem Dorf in der Nähe von Stip, etwa 25 km von hier, engagiert. Eine Frau hat mir dabei geholfen. Innerhalb von zehn Tagen hat sie mir 15 Menschen aus ihrem Dorf gebracht, die hier arbeiten wollen. &quot;<br /><br />Die Frau heißt Sibirka Kitanovska und sitzt mit den anderen aus ihrem Dorf an einem großen Tisch voller Jeans. Gelangweilt schneiden sie überstehende Fäden ab. Nur Sibirka Kitanovska wirkt hoch motiviert. Sie hat auch keine Wahl. Mit der politischen Wende kam die Auflösung der ländlichen Genossenschaften. Sie verlor ihre Stellung als Buchhalterin in der Landwirtschaft. Nach 18 Jahren. Ihr Mann, ein Mathematiker, ist bis heute ohne Anstellung. Beide haben eine zweieinhalbjährige Tochter. <br /><br />&quot; Einer von uns musste Arbeit finden. Wir müssen ja von irgendetwas leben. Ich habe bereits zu Hause genäht, in Heimarbeit, aber die Menschen haben nicht genug Geld, um das zu bezahlen. &quot;<br /><br />Jeden morgen werden sie von einem Werksbus abgeholt.<br /><br />&quot; Wir sind am Ende, nicht nur ich, sondern alle, die mit mir hier sind. In unseren Familien gibt es keinen, der arbeitet. &quot;<br /><br />Die Fabrikbesitzer nutzen das aus. Sibirka Kitanovska und ihre Kollegen aus dem Dorf müssen zunächst ein dreimonatiges Praktikum machen, bei dem sie sich als Hilfsarbeiter bewähren sollen. Umgerechnet 60 Euro bekommen sie dafür im Monat. Auch in Mazedonien reicht das nicht zum Leben.<br /><br />&quot; 60 Euro sind nicht viel, aber immerhin etwas: Mehr als nichts. Egal, wir werden irgendwie durchkommen. Mein Schwiegervater hat zur Zeit eine Rente von 6-7.000 Denar, das sind etwa 110 Euro, und meine Eltern verdienen auch noch etwas. Unser größtes Problem ist, dass mein Mann arbeitslos ist. Wenn der Arbeit hätte, ginge es uns viel besser. Immerhin ist er ein diplomierter Mathematiklehrer, und so einer sitzt zu Hause. Dagegen kann man nichts machen. So ist es nun mal in unserem Land. &quot; <br /><br />Was die Näherinnen zusammennähen, wird in großen Hallen gelagert und von dort abtransportiert in die reichen Länder der EU. Davon lebt Branko Giorgiev. Er steht vor seiner Lagerhalle, blinzelt in die Frühlingssonne. Im Staub vor ihm liegt ein Straßenhund und sonnt sich.<br /><br />&quot; Viele ausländische Unternehmen haben bisher noch ein bisschen Angst, in Mazedonien zu investieren - nicht nur in Stip. Ich erwarte aber, dass sich das ändert. &quot;<br /><br />Er schaut hinüber zur Straße. Autos sind vorgefahren. Männer stellen Klapptische auf und breiten Ware aus: Handtücher, Socken, Blusen. Alles kommt aus der Türkei. Sie verkaufen es an die Näherinnen in den Textilfabriken. Es ist absurd: In einem Zentrum der europäischen Textilindustrie gibt es kein Kleidungsstück zu kaufen, das dort produziert wurde. Was die Näherinnen herstellen, können sie sich selbst nicht leisten.<br /><br />Doch je weiter sich Mazedonien der EU annähert, desto mehr werden sie verdienen und fordern. Und irgendwann werden die Firmen weiterziehen, fürchtet Branko Giorgiev - in das nächste Billiglohnland.<br /><br />&quot; Ich habe mein ganzes Leben in der Textilindustrie gearbeitet. Wenn wir Mitglied der EU werden, wird sich das sehr negativ auf uns auswirken. Die Löhne werden steigen, und das wird Arbeitsplätze vernichten - genau wie das in den neuen Mitgliedstaaten Rumänien und Bulgarien geschehen ist. Und deshalb bin ich persönlich gegen die EU-Mitgliedschaft Mazedoniens. Aber das ist meine persönliche Meinung. Die Mehrheit der Menschen hier will in die EU, denn der wirtschaftliche Vorteil für Mazedonien insgesamt wird die kleinen Nachteile überdecken, wie den Verlust von Arbeitsplätzen in einzelnen Bereichen. &quot;<br /><br /><br />In der Fabrik mit den bunten Luftballons ist die junge Näherin Slavica Ristova mittlerweile beim nächsten Stapel angekommen. Jetzt näht sie Taschen auf die Sommerblusen. Sie müsste einen halben Monatslohn investieren, um so ein Kleidungsstück zu kaufen.<br /><br />&quot; Ich fühle mich überhaupt nicht ausgenutzt. Ich denke, der Lohn ist okay, mir reicht er jedenfalls. Hier macht niemand Versprechungen, die nicht eingelöst werden. Alles ist so, wie es vorher angekündigt wird. Das ist die Realität hier. &quot;<br /><br />Was mit ihrem Job passieren wird, wenn der Lebensstandard in Mazedonien einmal steigt, darüber hat sie noch nicht nachgedacht. <br /><br />&quot; Ich bin ein großer Patriot. Es ist gut, wie es ist. Und wie es später wird, werden wir sehen. &quot;<br /><br />&quot;Unsere Jungs machen sich zum Angriff bereit, es sausen Dolche und Jochbügel. Die Kerls sind verblüfft, sie trampeln auf der Stelle wie lahme Ochsen auf einem Boden, in dem der Pflug hängen bleibt; und wie alle Hurensippen lassen sie ihre Kinder vor sich laufen, verstecken sich hinter der Unschuld. In diesem Augenblick verlieren wir den Verstand: Ihre Kinder sind uns ähnlich, uns, ganz klar! Derselbe Mund, dieselben kleinen Nasen, Augen, Stirn, dieselben Haare: Unsere Gesichter in vielen Spiegeln. (...)<br /><br /><br />"Also wirklich eine seltsame Sippe! Wir vernichten uns am Ende selbst!&quot;<br /> <br /><br /></strong> Am Ende ist es die Musik, die die zerstrittenen Volksgruppen in Mazedonien eint. Musik wie die von Toše Proeski. 2004 vertrat er sein Land beim "Eurovision Song Contest" in Istanbul. <br /><br />Der Schlagerstar ist tot. Der Mazedonier starb am Morgen des 16. Oktober 2007 bei einem Autounfall. Die Nachricht erschütterte das gesamte ehemalige Jugoslawien. In Mazedonien versammelten sich Trauernde aller Volksgruppen auf zentralen Plätzen. Sie weinten, entzündeten Kerzen, legten Blumen nieder, Stofftiere. Selbst im Parlament gab es eine Schweigeminute. Wochenlang lag das Land in tiefer Trauer.<br /><br />Wenige Monate später fiebert Mazedonien erneut dem europäischen Schlagerwettbewerb entgegen. <br /><br /></p><p><strong>Musik vereint <br />Eine Nacht in Tetowo</strong></p><p> Alexander Stojanovski betritt eine Bar in Tetovo. Tetovo ist die zweitgrößte Stadt Mazedoniens und die Hochburg der Albaner. Alexander bestellt Kakao.<br /><br />&quot; Ich trinke keinen Kaffee und ich möchte keinen Saft. Also ist Kakao eine logische Alternative. &quot;<br /><br />Es ist noch leer in der Bar. Alexander setzt sich auf ein rotes Sofa, das in einer Nische steht. Auf Bildschirmen an den Wänden laufen Musikvideos. <br /><br />&quot; Heute Nacht ist die mazedonische Vorausscheidung für die Eurovision Song Contest. Vielleicht gibt es irgendwo einen Ort, an dem alle gemeinsam schauen. Ich glaube aber eher nicht. Dabei wird die Eurovision in diesem Jahr zu einem Hauptereignis in der mazedonischen Musikszene. &quot;<br /><br /><br />Der Kakao ist süß, mit Milch gekocht, Schlagsahne oben drauf. Alexander ist Mazedonier und gehört damit in Tetovo zur Minderheit. Der 23jährige ist hier aufgewachsen und studiert Kommunikation.<br /><br />&quot; Die Mazedonier studieren auf Mazedonisch und die Albaner auf Albanisch. An der Medizinischen Hochschule wird sogar auf Mazedonisch, Albanisch und Türkisch gelehrt. Also, wenn du zu einem albanischen Kurs gehst, dann lernst du auf albanisch.<br /><br />Problem? Nein, es ist kein Problem. Es ist eine interessante Situation. An der Uni, wo ich jetzt Filmkamera und Fotografie studiere, sind wir fünf Studenten in der Gruppe. Drei von uns sind Mazedonier und zwei Albaner. Wir sind eine Gruppe und immer zusammen, und wir folgen dem Unterricht auf mazedonisch oder albanisch. &quot; <br /><br />Er bekomme es aber doch zu spüren, dass er kein Albaner ist.<br /><br />&quot; Ich will darüber nicht nachdenken. Ein gewisser Druck ist schon da. Einige Leute reagieren unhöflich, wenn du ein Gespräch auf Mazedonisch beginnst. Manchmal antworten sie einfach nicht. Das sind so die Feinheiten, die dich spüren lassen, dass etwas nicht so ganz in Ordnung ist. &quot;<br /><br />Alexander bricht auf, macht sich auf die Suche nach einer Bar, in der die Vorausscheidung zum Song Contest gezeigt wird. Die Straßen im Zentrum sind voller junger Spaziergänger. Nachtleben in Tetovo, erläutert Alexander.<br /><br />&quot; Die laufen hier herum, dann trinken sie was. Das geht so bis etwa 1 Uhr, und dann gehen sie nach Hause. Als ich jünger war, war das hier unser Korso, das war die Straße, die wir rauf und runter gelaufen sind - nur um zu laufen. Du drehst ne Runde zu diesem Kiosk, und dann gehst du zurück. &quot;<br /><br />Alexander ist nicht richtig zufrieden. Nach einer Runde im Gewühl landet er schließlich wieder in der ersten Bar. <br /><br />Die Vorausscheidung läuft bereits. Jetzt ist es brechend voll. Alles starrt auf eine Leinwand. Alexander begrüßt Freunde und Freundinnen mit Küsschen und Handschlag. <br /><br />&quot; Ich denke, der diesjährige Wettbewerb ist etwas besonderes. Denn bei der Vorauswahl gab es Probleme. Da schieden ein paar albanische Künstler aus, aber auch Mazedonier. Und die fühlten sich ungerecht behandelt. Die Lieder in der Vorausscheidung sind alle auf Mazedonisch. Denn auch die Albaner singen auf Mazedonisch. &quot;<br /><br />Am Ende gewinnt eine gemischte Gruppe aus mazedonischen und albanischen Stars. Sie treten das erste Mal gemeinsam auf. In der Vorausscheidung singen Tamara, Vrcak und Adrian ihren Titel "Vo ime na ljubovta" auf Mazedonisch. Beim Wettbewerb in vier Wochen in Belgrad werden sie ihn auf Englisch singen: "Let me love you". Alexander freut sich.<br /><br />&quot; Wenn du jetzt plötzlich mit mir deutsch redest, sollte ich dann wütend auf dich sein? Nein. Wir sind Menschen. Und es unterscheidet uns von Tieren, dass wir uns mit Worten verständigen. Welche Sprache du sprichst, ist völlig egal. Die Menschen werden verstehen, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Und unser Zusammenleben hier sieht von außen schwieriger aus, als es ist. Es ist nicht so schlecht hier. &quot;</p>